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R.O.M.E.: Die grüne Hölle von Rod
R.O.M.E.: Die grüne Hölle von Rod
R.O.M.E.: Die grüne Hölle von Rod
Ebook528 pages

R.O.M.E.: Die grüne Hölle von Rod

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About this ebook

"Manchmal ist es besser, man opfert einige wenige, als dass die gesamte Herde zerstreut wird und verloren geht."

Als Jakob Lemmon, Elitestudent und Mitglied der Future Group of Europe, ganz zufällig Zeuge dieser Aussage wird, ahnt er noch nicht, dass er die Folgen davon bald am eigenen Leib zu spüren bekommt. Plötzlich wird er gejagt von Terroristen und dem Staat bis in die entferntesten Winkel der Ostkarpaten, wobei ihn nur eines davon abhält aufzugeben: seine Liebe zu Beth Cohen. Gefangen zwischen einer blutrünstigen Mordserie und seinem Platz im System, stellt er sich jedoch schon bald die Frage, welche Rolle dieses Mädchen mit der roten Lockenmähne tatsächlich spielt und was der heilige Mythos, der ihn umgibt, damit zu tun hat. Ein Wettlauf gegen die Zeit um Wahrheit, Freiheit und Gerechtigkeit beginnt, mit unabsehbaren Folgen ...
LanguageDeutsch
Publisherepubli
Release dateJan 22, 2015
ISBN9783737527552
R.O.M.E.: Die grüne Hölle von Rod

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    R.O.M.E. - Attila Heller

    Attila Heller

    R.O.M.E.

    Die grüne Hölle von Rod

    © 2015 Attila Heller

    Covergestaltung: text+taler GmbH, Hamburg

    Published by: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de

    ISBN 978-3-7375-2755-2

    1. Kapitel

    Jakob steuerte sein Auto über die regennasse Fahrbahn. Ans Lenkrad geklammert wie ein ängstliches Kind, schaute er immer wieder in die Nacht hinaus. Wann würde dieser Sturm endlich enden?

    Es goss in Strömen und dazu wehte ein unangenehmer Wind. Von oben herab schüttete es schon seit Stunden und allmählich verwandelte sich alles um ihn herum in ein einziges Gemisch aus Schlamm und Kieselsteinen. Die braune, trübe Brühe sammelte sich in jeder noch so kleinen Straßensenke. Immer wieder schwappte sie bedrohlich von unten donnernd an das Bodenblech seines Kleinwagens. Er musste sich sehr konzentrieren, um nicht die Kontrolle über sich und sein Fahrzeug zu verlieren, auch weil die Fahrbahn grell und ohne Rücksicht auf seine Müdigkeit das Licht der Scheinwerfer zurückwarf. Seine Augen brannten stark und gelegentlich schloss er sie für einige kurze Sekunden zur Erholung.

    Erschöpft schaute er auf die grün leuchtende Uhr im Armaturenbrett. Achteinhalb Stunden waren nun schon vergangen, seit er sich am Flughafen von Debrecen auf den Weg gemacht hatte. Knapp an die vierhundert Kilometer holpriger Landstraße lagen hinter ihm und abgesehen von einer kurzen Pinkelpause und einem ausgiebigen Stopp in einem Wirtshaus bei Cluj-Napoca hatte er die ganze Zeit in dieser unbequemen Blechschüssel gesessen. Dabei hatte die Autovermietung am Terminal ihm schon den bestmöglichen Untersatz zur Verfügung gestellt: einen gelben, osteuropäischen Kleinwagen als „Special Edition" mit Klimaanlage.

    „Haben Sie denn gar nichts Besseres?", hatte Jakob die knauserige alte Dame hinter dem Tresen gefragt. Aber die schüttelte nur ihren dicken Kopf und reichte ihm herablassend die Schlüssel.

    Ein Lenkrad mit Fellbezug und Schonbezüge mit Sonnenblumenmuster würden diesem Auto den letzten Schliff verleihen, dachte er schmunzelnd, als er den Wagen sah. Statt eines Allradfahrzeugs hatte Jakob also einen Wagen bekommen mit einem eingebauten, eingeschränkt funktionierenden Ventilator, der vor sich hin rotierte und nur spärlich Frischluft erzeugte. Immerhin versteckten sich einige Pferdestärken unter der Haube, mit denen er relativ zügig und schneller vorankam, als zunächst geglaubt. Er haderte mit seinem Glück, doch angesichts der Situation blieb ihm sowieso nichts anderes übrig, und so musste er seinen gewohnten Standard eben für einige Zeit zu Hause lassen.

    Jakob war jetzt schon eine halbe Ewigkeit auf der D17 unterwegs, einer Nationalstraße in den Ostkarpaten, deren Einzigartigkeit nicht in den vielen Serpentinen, sondern, eher ungewollt, in den Lücken und Löchern des rauen Asphaltbelages bestand. Es kam einem Wunder gleich, dass die Ölwanne noch kein Leck hatte nach den unzähligen ungewollten Berührungen mit der Straßendecke. Diese hob und senkte sich gleichmäßig mit der Landschaft und schlängelte sich immer parallel am Fluss Somesul Mare entlang, dem Herzen dieser Region.

    Gespannt und vom Adrenalin aufgeputscht, schoben sich seine Augen den kargen Straßenrand entlang. Irgendwo hier draußen, zwischen den beiden Örtchen Rodna und Valea Mare, musste es doch sein! Das hatte der Professor geschworen.

    Jakob drosselte die eh schon langsame Geschwindigkeit seines Autos um weitere zehn Stundenkilometer, sodass dieses nun um jede Kurve schlich, die sich vor ihm auftat. Er beobachtete beide Straßenseiten genauestens. Wassermassen stürzten in regelmäßigen Abständen von den Hängen auf die Fahrbahn und Jakob wurde das Hirngespinst nicht los, die Natur würde sich hier auf radikale Art und Weise von allem überflüssigen Übel trennen. Absolut alles, was nicht niet- und nagelfest war, wurde ohne Gnade weggespült, ja vom Somesul Mare verschlungen. Eines war ihm klar: In diesem reißenden Fluss wollte er nicht enden! Deshalb besann er sich aufs Autofahren, vielleicht war er ja doch noch nicht am erhofften Ziel!

    Die Straße führte nun über eine weite Brücke auf die gegenüberliegende Seite des tosenden Gewässers. Er steuerte den Wagen sicher hinüber und gab Gas. Doch plötzlich überkamen ihn Zweifel. Sollte er etwa doch schon zu weit gefahren sein? Unsicher und irritiert, schaute Jakob durch den winzigen Rückspiegel auf den hinter ihm liegenden, vom Rücklicht rot leuchtenden Streckenabschnitt.

    „So ein Mist!, zischte er. „Wenn dieser Spinner mich verarscht hat …

    In diesem Moment ertönte ein Klingeln, ein Läuten eines Mobiltelefons. Er zuckte vor Schreck zusammen. Es war mitten in der Nacht! Hektisch begann er den Innenraum des Autos abzusuchen. Die Ruftonabfolge hatte ihr Maximum nahezu erreicht, als er endlich das Handschuhfach öffnete und es herausnahm.

    „Hallo, sagte er zögerlich in das fremde Handy, „hallo?

    Kein Laut am anderen Ende, nur ein leises Rauschen, das unter dem Getuschel zu hören war. Jakob schaute auf das Display. Die Nummer war unterdrückt.

    „Hallo, ist da wer?, versuchte er es erneut. „Können Sie mich hören?

    Wieder bekam er keine Antwort und somit beschloss er, die Verbindung zu trennen. Er schaltete das Telefon gleich komplett aus und ließ es mit einem geschickten Wurf im offenen Handschuhfach verschwinden. Es hatte sowieso keinen Sinn hier in den Bergen, denn der Empfang war schlecht und der Akku verbrauchte nur unnötig Strom. Gottverlassene Gegend!

    Jakob gähnte kurz. Müdigkeit und Frustration machten sich erneut breit. Sein Geist und sein Körper gerieten allmählich an ihre Grenzen und signalisierten ihm offen den Wunsch nach etwas Ruhe. Er schaute frustriert über seine rechte Schulter, als mit einem Mal und ohne jegliche Vorwarnung ein äußerst heftiger Knall die ohnehin tobende Nacht erschütterte. Vom Aufprall getroffen, geriet der Wagen ins Schleudern und rutschte über den abgetragenen seifigen Straßenbelag auf einige Bäume am Fahrbahnrand zu. Wild an seinem Steuer kurbelnd, versuchte Jakob die Kontrolle zurückzugewinnen. Er stellte die Räder quer und zog die Handbremse. Kurz vor einem Abhang kam er schließlich zum Stehen. Sein Herz raste!

    Jakob löste seinen Griff vom Lenkrad. Bebend versuchte er, die letzten Sekunden zu rekonstruieren. Da sich der Wagen um hundertachtzig Grad gedreht hatte, starrte er jetzt in die Richtung, aus der er ursprünglich gekommen war. Er sah sich um und überlegte. In einem Augenblick der Unachtsamkeit musste er irgendetwas, wahrscheinlich ein Tier, mit voller Wucht erfasst haben. Der rechte Kotflügel war demoliert, der Seitenspiegel abgerissen und die Frontscheibe beschädigt. Das dünne Sicherheitsglas hatte dem Druck glücklicherweise trotz vieler Risse, in denen sich nun kleine, rote Wasserläufe bildeten, standgehalten. Er schaute durch die beschlagenen Fenster. Da war nichts zu sehen, überhaupt nichts, aber urplötzlich fing sein Herz erneut zu rasen an.

    „Was ist …" – die folgenden Silben blieben ihm im Hals stecken. Von Finsternis umkleidet, stachen aus der Ferne zwei hell leuchtende Punkte hervor, die ihn ganz genau anpeilten. Er fühlte sich unwohl, denn seit einigen Jahren hatten sich wieder Bären in dieser Gegend angesiedelt und er hoffte, dass diese Kreatur da draußen keiner war.

    Seine Hand langte nach dem Zündschloss. Durch den Crash war der Motor ausgegangen und musste von Neuem gestartet werden. Sogleich offenbarte die Lichtmaschine, dass eine der beiden Vorderlampen den Unfall nicht überstanden hatte. Jakob ließ sachte die bleischwere Kupplung kommen und beschleunigte. Im Schutze seines zerbeulten Autos verfolgte er mit dem noch vorhandenen einen Lichtstrahl den gekommenen Weg zurück.

    Schon nach wenigen Metern begann sich die Fahrbahn rot zu färben. Er entdeckte fast mittig auf der Spur eine ausgedehnte Blutlache, die trotz der anhaltenden Schauer eindeutig zu erkennen war. Hier musste es sich zutragen haben, schlussfolgerte er, denn sein Außenspiegel lag zertrümmert auf der Straße und überall lagen Wrackteile verteilt. Keine Chance, das Vieh war tot, und wenn nicht, würde es dies sicherlich in den nächsten paar Stunden sein. So einen Aufprall überlebt keiner, nicht einmal Meister Petz mit seinen über dreihundert Kilo, dachte Jakob. Gerade als er zum Wenden ansetzte, bemerkte er ein weiteres Detail. Eiskalt lief es ihm den Rücken hinunter. Da lag mitten auf der Fahrbahn ein Stofflappen, ein von Blut und Wasser durchtränkter, herausgerissener Fetzen, der unscheinbare Rest eines Kleidungsstückes.

    Jakob fuhr sich mit beiden Händen sichtlich geschockt durch die Haare. Das stammte keinesfalls von einem Tier! Sollte er tatsächlich einen Menschen überfahren haben? Er spürte, wie in ihm das Verlangen erwachte, Gas zu geben und einfach abzuhauen, darauf zu vertrauen, dass ihn keiner beobachtet hatte, was angesichts der entvölkerten Region sehr wahrscheinlich war. Doch nach intensiver Überlegung beschloss er, keinen Rückzieher zu machen, und setzte das Auto wieder in Gang. Es gab schon genügend Typen, die vor den Folgen ihres Handelns davonliefen. So wie Alvin, sein älterer Bruder.

    Jakob versank in Gedanken. Diesem unfähigen Weichei konnte er bis heute nicht verzeihen. Es war damals dessen Aufgabe gewesen, auf Anna aufzupassen, und nicht die seine. Alvin trug die Verantwortung! Stattdessen hatte er sich, wie üblich, davongestohlen, um mit seinen Kumpels durch die Straßen zu ziehen. Zu schnell war es passiert und Jakob schämte sich noch immer, damals nicht wie ein echter Mann gehandelt zu haben. Jener schwarze Lebensabschnitt seiner Vergangenheit trübte noch immer zahllose seiner Stunden ein und machte ihm manchen Tag zur Hölle. Aber jetzt war nicht der richtige Moment, darüber nachzudenken und in destruktive Schuldgefühle zu versinken. Nein, schließlich war er so weit gereist, um seine Zukunft zu sichern, und dies wollte er sich nicht durch seine bedrückende Familiengeschichte zerstören lassen. Viel zu viel hatte er bereits geopfert, als dass er jetzt alles verspielen wollte.

    Verbissen und voller Anstrengung verfolgte er nun im Schritttempo die roten Schleifspuren, die sich jedoch bereits nach etwa fünfzig Metern im Dauerregen der Nacht verloren. Er trat auf die Bremse.

    Was nun? Ein Unfall hatte sich ereignet, doch weit und breit war niemand aufzufinden. Möglicherweise hatte ja schon ein Rudel hungriger Wölfe die Gunst der Stunde erkannt und sich im Schutze des Waldes über die Beute hergemacht. Ein schrecklicher Gedanke, aber möglich.

    Das Unwetter schien jetzt direkt über ihm zu sein. Ein weißer Blitz erhellte den undurchdringlichen Wald, begleitet von einem rasenden Donnern, was Jakob das Blut in den Adern gefrieren ließ. Es folgte eine unheimliche Stille. Von absurden Ideen heimgesucht, wie einen Bigfoot der Karpaten angefahren zu haben oder einen Jäger, legte er seinen Kopf zurück und genoss die auf einmal eintretende Ruhe. Nur das Rauschen des Flusses, das Peitschen des Windes und das monotone, gleichmäßige Trommeln des Regens verrieten den Sturm. Er war überwältigt und verfiel für einige Augenblicke in eine Art Trancezustand, als er auf einmal näher kommende Schritte hörte …, tack, tack, tack.

    Im selben Atemzug war er hellwach und saß aufrecht auf seinem Sitz. Irgendetwas war auf den Weg zu ihm, nur was?

    Von vorn kam niemand, das konnte Jakob im Scheinwerferlicht genau erkennen. Unerwartet stellte sich ein fiependes, gleichmäßiges Kratzen ein, das sich von hinten am Blech entlang scheinbar nach vorn schob. Jakob legte den Rückwärtsgang ein und versuchte an seinen Koffer auf der Rückbank zu gelangen, doch der Gurt saß zu straff. Er musste sich vorlehnen, um sich abzuschnallen. Sekunden vergingen, bis er endlich seinen Koffer erreichte und mit einer Hand aufklappte, während sich die andere verkrampft am Lenkrad festhielt. Das fiepende Kratzen kam dichter und stoppte plötzlich. Halb liegend auf der Armlehne, suchte Jakob nach seinem Messer. Er hasste sich für seine im Laufe der Zeit schon zwanghaft gewordene Unordnung.

    Erneut erhellte ein mächtiger greller Blitz die Nacht und beleuchtete das blutüberströmte Gesicht eines Mannes, der ihn ausdruckslos durchs Seitenfenster anstarrte, bevor er wieder im Schutze der Finsternis verschwand.

    Jakob hatte genügend gesehen, um zu begreifen, dass es um Leben oder Tod ging. Er fand sein Messer und umklammerte den gummierten, handgerecht gewölbten Griff. Im selben Moment sah er die verschwommenen Formen eines Knüppels auf sich zukommen.

    Das Seitenfenster zerbarst in tausend kleine Scherben. Instinktiv hob Jakob seinen linken Arm, um sich vor den heranfliegenden Splittern zu schützen. Sein Angreifer packte durchs offene Fenster zu und zog ihn mit einem kurzen Ruck nach oben. Jakob knallte brutal mit seinem Schädel gegen den Türrahmen. Blut rann seine Stirn hinunter und er fragte sich kurz, ob es sich dabei um sein eigenes oder das seines Kontrahenten handelte. Eine Faust traf ihn mitten ins Gesicht und warf ihn zurück auf die Armlehne. Wieder packte ihn die kräftige Pranke und zerrte ihn nach oben. Gewarnt vom ersten Mal, stemmte sich Jakob nun dagegen und ging in Deckung. Sein Kopf verfehlte nur um Haaresbreite den Dachrahmen und hing jetzt außerhalb des Wagens. Er spürte den Regen auf seiner Haut und schmeckte Blut zwischen seinen Zähnen. Er schaute auf.

    Ihm wurde übel. Zerfetzt, blutend und durchnässt stand das Monster vor ihm, bereit, ihm den nächsten Treffer zu erteilen. Das Gesicht halb entstellt, fletschte es seine gelben, verfaulten Zähne. Die Augen, rötlich unterlaufen und wahnsinnig vor Wut, starrten ihn entschlossen an. Alles konnte nun geschehen!

    Der nächste Schlag sollte ihn von oben treffen und seinen Schädel zertrümmern. Doch gekonnt wich Jakob aus, indem er sich zur Seite warf. Der Knüppel knallte mit voller Wucht auf den Rahmen und ließ die Tür erzittern.

    Die Ereignisse überschlugen sich. Jakob spürte den Arm seines Angreifers um seinen Hals. Dieser wollte kurzen Prozess machen, begab sich dabei aber auf gefährliches Terrain. Denn ebenso entschlossen holte Jakob jetzt aus und rammte die lange Klinge seines Messers mehrmals in den schweren Körper. Ein Aufschrei durchschnitt die Nacht und zugleich erschlaffte der Arm, das Würgen und die schmerzliche Beklemmung ließen schlagartig nach. Nach Luft schnappend, stieß Jakob die Türe auf und entledigte sich so des vor Schmerzen sich windenden Angreifers, der davorstand. Dieser sackte jetzt in sich zusammen und blieb leblos auf der Straße liegen. Nach einer kurzen Pause richtete sich Jakob auf und begutachtete den Körper.

    Es war ein Hüne, der vor ihm lag. Seine zerrissene Kleidung erinnerte Jakob mit ihren weißen und dunklen Streifen an einen Gefangenen aus einem Sträflingslager, einem Überlebenden des Holocaust, nur dass dieser Mensch hier viermal so breit war. Der Mann lag auf dem Bauch, das Gesicht weggedreht. Drei große Furchen säumten die Nierengegend, das rohe Fleisch klaffte dort weit auseinander.

    Von hinten erstochen – nicht gerade die feine englische Art, fasste Jakob zusammen. Sein Gewissen meldete sich, doch letztlich war es von beiden Gladiatoren ein unfairer Fight gewesen. Und die Tatsache, dass er es nicht war, der jetzt tot auf der Straße lag, gab ihm schließlich Recht.

    Jakob atmete schwer. Seine Schulter schmerzte und in seinem Kopf hämmerte es mit gleichmäßigen Schlägen. Er sehnte sich nach Ruhe. Doch an eine Verschnaufpause war nicht zu denken, denn in der Ferne leuchteten schon die Scheinwerfer eines Autos auf. Die ganze Nacht kein Gegenverkehr und jetzt das!

    Er hatte nicht viel Zeit, die Leiche verschwinden zu lassen. Trotz der Masse des Körpers hatte Jakob keinerlei Probleme, diesen hochzustemmen und im Somesul Mare zu versenken. Schnell lief er zu der Stelle des Zusammenpralls zurück und trat die Wrackteile beiseite. Den Rest musste der Regen übernehmen. Einige Sekunden später wendete er den beschädigten Wagen und kehrte dem Ort des Grauens den Rücken.

    2. Kapitel

    Vom Korridor im hintersten Trakt waren deutlich Schritte zu hören. Mehrere Personen marschierten im Gleichschritt den mit Marmorfliesen belegten F lur entlang, geblendet vom hellen Licht der Neonröhren an der Decke. Das Gebäude war vollkommen abgesichert. Etliche Kameras bewachten den K omplex und in regelmäßigen Zeitabständen kontrollierten mit Maschinengewehren bewaffnete Sicherheitskräfte die Gänge. Die Gruppe näherte sich einem Kontrollposten und musste in einiger Entfernung warten, bis sie herangewunken wurde.

    Zwei Männer in dunkelblauen Anzügen kontrollierten die Eintrittsgenehmigungen aller Personen, indem sie nachlässig die Aufenthaltsausweise über den Scanner zogen. Jedes Mal ertönte ein kurzes Piepen. Gelangweilt ging einer der beiden Männer nach vorn, während der andere die Situation aus sicherer Entfernung beobachtete, sein MG schussbereit. Über ein in der Wand eingelassenes Tastenbrett wurde das Signal z um Öffnen erteilt und die Sicherheitstür schob sich nach beiden Seiten auf. Die Gruppe stieg in den Fahrstuhl.

    Keiner der Männer im Lift suchte Blickkontakt, alle starrten stumm auf den Boden oder aneinander vorbei. Sie fuhren zügig nach unten in die tief gelegenen Katakomben. Sekunden später hielt der Fahrstuhl an und die drei stiegen aus. Sie traten in einen Gang, an dessen Ende sich eine imposante schwere Holztür befand. Vor der Tür stand ein eleganter, aber mächtiger Schreibtisch, an dem eine sehr junge Frau saß, die sofort aufschaute.

    „Bitte nehmen Sie Platz", war ihre Anweisung und dabei deutete sie auf eine Reihe Stühle, die parallel zur Wand aufgestellt waren.

    Der Gang, in beige gestrichen und mit einem dunkelroten Teppich ausgelegt, strahlte Ruhe und Wärme aus. Er stand in krassem Gegensatz zum Rest des Gebäudes, das eher einen entseelten und sterilen Eindruck machte. Aber auch hier durften die zahlreichen Überwachungskameras nicht fehlen. Sechs Stück, verteilt auf etwa vierzig Quadratmeter, überwachten jeden Winkel dieses schmalen und tiefen Raums. Abgerundet wurde das Bild durch mehrere gut gewachsene, saftig grüne Dattelpalmen, die, anspruchslos und pflegeleicht, wie sie waren, perfekt hierher passten. Es brauchte nur etwas Wasser und Licht, um sie am Leben zu erhalten.

    Die Minuten vergingen, doch die Männer warteten geduldig auf ihren Stühlen wie vom Lehrer auf die Strafbank verwiesene Kinder im Schulhort. Dann endlich nahm die junge Frau den Hörer ab, erhielt offensichtlich Anweisungen und legte, ohne ein Wort zu sprechen, sogleich wieder auf.

    „Sie können jetzt eintreten."

    Die Gruppe richtete sich auf und schritt auf die anziehende, blondhaarige Schönheit hinter dem Sekretär zu. Doch mit einem Handzeichen gab diese den Männern aus sicherer Distanz zu verstehen, dass nur einer von ihnen im Zimmer erwünscht sei, und deutete dabei mit ihrem Kugelschreiber auf den Mann in der Mitte. Die anderen beiden akzeptierten ihren Befehl mit einem gehorsamen Nicken. Der Auserkorene drückte langsam die Klinke und trat vorsichtig ein.

    „Ich hoffe, meine Leute haben Ihnen nichts getan?"

    „Ihre Gorillas schüchtern mich nicht ein", erwiderte der Mann, immer noch in der Tür stehend. Seine Begleiter sollten ruhig wissen, was er von ihnen hielt. Erst dann schloss er mit einem verächtlichen Gesichtsausdruck den Spalt.

    „Das ist gut, alles andere hätte mich auch verwundert."

    In der Mitte des fensterlosen Raums saß ein Mann, den Rücken zum Eingang gedreht, der wie gebannt auf ein buntes Gemälde schaute, welches, umspannt von einem holzartigen, barockähnlichen Rahmen, vor ihm an der Wand hing. Rauch stieg nach oben, während die Glut seiner Zigarette aufleuchtete.

    „Genau genommen müssten ja eigentlich wir es sein, die Angst vor Ihnen haben, nicht wahr, Agent? Oder sollte ich Sie doch eher als Verräter bezeichnen?"

    Der Mann stand noch immer vor der Holztür und wusste nicht recht, wie er auf diese Frage reagieren sollte.

    „Hat es Ihnen die Sprache verschlagen?"

    Ein kurzes Zögern, Sekunden vergingen, ohne dass auch nur eine Spur von Akzeptanz oder Sympathie zwischen den beiden aufkam. Der Raucher im Sessel nahm einen tiefen Zug aus seiner Black Devil und durchbrach dann euphorisch die düstere Stimmung.

    „Ach kommen Sie schon, Dschinn. Sie werden doch einen kleinen Scherz verstehen, oder nicht?"

    Überrascht über diese Anrede, fasste sich der Agent in den Nacken und rieb sich über die obersten drei Wirbel. Seine Identität und deren Bedeutung schienen in diesem Raum kein Geheimnis zu sein.

    „Sie müssen sich keine Sorgen machen. Ihre kümmerlichen VVerfehlungen gegenüber dem System sind beinahe vergessen. Keiner außerhalb dieses Zimmers weiß davon und wenn ich es mir recht überlege, könnte die Zeit gekommen sein, dass auch ich Sie aus meinem Gedächtnis löschen werde."

    Der Mann vor der massiven Holztür wusste ganz genau, was diese blumige Formulierung besagen sollte. In diesem Staatenverband wurde niemandem etwas nur aus Loyalität oder gutem Willen geschenkt. Jegliche Form von Ungehorsam wurde im Keim erstickt oder sich zunutze gemacht. Denen war jedes Mittel recht, ihr unfehlbares, perfekt inszeniertes System am Leben zu erhalten.

    „Was verlangen Sie von mir?"

    Selbstzufrieden lehnte sich der Raucher in seinen Sitz zurück. Sein Gegenüber hatte ihn verstanden. Die Fäden hielt eindeutig er in der Hand. Er war es, der bestimmte, welche Puppe tanzte, und vor allem in welche Richtung. Er richtete sich auf und machte einen Schritt nach vorn. Behutsam öffnete er das oberste Fach einer hochbetagten Kommode und griff hinein.

    „Mögen Sie Kunst?"

    „Nicht unbedingt."

    „Das ist schade, Sie sollten sich mehr damit befassen." Er widmete sich wieder dem farbenfrohen Gemälde an der Wand. Die Augen glänzten nass vor inniger Bewunderung.

    „Was glauben Sie, Dschinn, könnten dieses kostbare Bild und diese außergewöhnliche, uralte Kommode wohl gemeinsam haben?"

    „Ich habe keine Ahnung."

    „Dann werde ich es Ihnen gerne erzählen. Sie sind beide Überlebende einer ganz besonderen Epoche, einer Zeit nach den Napoleonischen Kriegen, in der sich die Kultur und die Bildung des Bürgertums entwickeln konnten, ohne unterdrückt zu werden. Dieses Prachtstück hier ist eine echte Biedermeierkommode aus dem 19. Jahrhundert."

    „Und das Gemälde?"

    „Ein echter Spitzweg, ‚Der Sonntagsspaziergang‘, um genau zu sein. Ich liebe dieses Kunstwerk. Wollen Sie wissen, warum?"

    Von Kenntnissen über bildende Kunst unberührt, zuckte der Mann recht gleichgültig mit seinen Schultern. Für ihn war das Anbringen von Farben auf eine Fläche nur vergeudete Zeit und angesichts der öden Unterhaltung fragte er sich allmählich, welchem Zweck diese dienen sollte?

    „Ich sehe in diesem Gemälde eine Verantwortung, eine Verantwortung unseren Vätern und auch dieser Generation gegenüber. Es ist unsere erhabenste Pflicht, das Bürgertum, unsere Familien, die Grundlage unserer Nation zu schützen. Unsere gewonnene Freiheit darf keinesfalls den Regimegegnern zum Opfer fallen. Sein Tonfall war bestimmend und leicht erregt. „Verstehen Sie? Wir kämpfen mittlerweile an vielen Fronten. Aber der schlimmste Widersacher kommt aus unseren eigenen Reihen, ein Krebsgeschwür, das immer wieder auftaucht.

    Kraftlos ließ sich der Raucher in den Sessel fallen. Der bloße Gedanke an jene Terrorzellen schienen ihm alle Freude am Leben zu nehmen.

    „Ich habe Sie nicht ohne Grund kommen lassen."

    Der Agent trat einen halben Meter vor. Endlich zeigte der Aufenthalt in diesem erdrückenden, fensterlosen Bunker einen allerersten Anschein von Notwendigkeit. Aufmerksam verfolgte er die weiteren Ausführungen.

    „Sie haben, trotz der unschönen Vorkommnisse, bewiesen, dass Ihr Herz am rechten Fleck sitzt. Doch ich sagte Ihnen ja bereits, Sie brauchen sich deswegen keine Gedanken mehr zu machen. Ich vertraue Ihnen und das bedeutet auch, dass der Staatenverbund hinter Ihnen steht, natürlich ganz nach meinem Ermessen."

    Der Agent im Eingangsbereich des Zimmers fühlte, dass ihm demnächst die Gelegenheit gegeben werden würde, seinen Fehler aus der jüngsten Vergangenheit endgültig wiedergutzumachen. Bereit und entschlossen dazu, wollte er seine Chance nutzen.

    „Wie lauten Ihre Anweisungen?"

    „Die finden Sie hier."

    Mit dem Rücken zum Schreibtisch sitzend ließ der Raucher im Sessel mit Schwung einen Umschlag über den Tisch gleiten, der vor den Füßen des Agenten landete.

    „Sie werden überrascht sein, wenn Sie Ihren Befehl lesen. Ich hoffe, Sie enttäuschen uns nicht! Das könnte sonst unangenehme Folgen für Sie und für Ihre Familie haben."

    „Ich werde Sie nicht enttäuschen!"

    „Dessen bin ich mir sicher."

    Der Agent hob den Briefumschlag auf und öffnete ihn mit dem Zeigefinger, indem er ihn zackenförmig aufriss. Er entnahm ihm ein Auftragsdokument, Flugtickets und einen Diplomatenpass, der ihm Autonomie und uneingeschränkten Aufenthalt im gesamten Staatenbund erdlaubte. Sein Interesse beschränkte sich jedoch ausschließlich auf seinen Befehl. Zügig und ohne jede Regung las er ihn, bis er ins Stocken geriet. Seine Augen spiegelten bloßes Entsetzen. Er überflog den Abschnitt noch einmal und spürte endlose Leere in sich aufkommen.

    „Es entzückt mich, Ihren Enthusiasmus zu sehen. Sie werden eine wichtige Rolle in der Zukunft unseres Staates spielen, Dschinn. Aber jetzt sollten Sie sich beeilen, denn Ihr Flug geht in einer Stunde."

    3. Kapitel

    Jakob liebte es schon immer, eins mit der Natur zu sein. Nur konnte er dieses Mal jene reinen und lebensspendenden Gefühle, welche er sonst immer verspürte, wenn er Gottes Schöpfung in sich aufnahm, nicht genießen.

    Es war noch dunkel, nur wenig Licht drang durch die Bäume und die massiven Felswände zu dem steinernen Weg durch. Jakob hatte den Ort des Unfalls schleunigst verlassen und wenig später den Hinweis des Professors, das Kreuz am Straßenrand, gefunden. Sein demoliertes Auto stand nun am Fuße des Ineu und er stiefelte durch die kaltfeuchte Nacht. Es hatte aufgehört zu regnen. Die dunkle Wolkendecke zog auf und zum ersten Mal seit seiner Ankunft im Gebirge sah er den Mond, der, vollständig erleuchtet, in gespenstischer Ruhe auf ihn herabschien.

    In konzentrierter Stummheit wartete er auf das Lebenszeichen eines Tieres, das diese Ruhe zerbrach. Irgendein Vieh, das sich bemerkbar machte und durch einen Laut von seinem Treiben in diesem Wald zeugte. Aber da war nichts und Jakob wurde unbewusst an die Sekunden seines Kampfes erinnert. Seine Eindrücke waren noch frisch, genau wie seine Blessuren, die ihn schmerzhaft an jenen wahr gewordenen Alptraum denken ließen. Er beschloss daher, die jetzt eingetretene Stille des Waldes vorzuziehen. Letzten Endes befand er sich nördlich der Südkarpaten, in einer okkulten Gegend, die für ihre Schauermärchen rund um hier lebende Vampire berüchtigt war. Und so sehr er sich auch innerlich dagegen wehrte, er konnte den Gedanken nicht von sich weisen, dass diese Kreatur von heute Nacht durchaus Ähnlichkeit mit den mythischen Gestalten aus Siebenbürgen hatte.

    Seine Einbildungen bekümmerten Jakob zunehmend. Er grübelte, hin und her gerissen zwischen dem Erlebten und seiner Phantasie, die ihm durchaus kreativ und zugleich erschreckend vorkam. Seine jetzige Aufgabe bestand aber eindeutig darin, die vergangenen Stunden in einer Schublade in seinem Kopf v erschwinden zu lassen. Denn wenn er das Plateau unterhalb des I neu vor Tagesbeginn erreichen wollte, musste er seine Kräfte bündeln und in wirksame Taten umsetzen. Also zog er das Tempo wieder an, ohne drüber nachzudenken, wie real das Risiko war, vom eigentlichen Pfad abzukommen und in den Wäldern der Karpaten verloren zu gehen. Doch schließlich blieb er stehen und schaute sich nach beiden Seiten um.

    „Klasse, Jakob", sprach er zu sich und trat gegen einen Stein. Er musste feststellen, dass sich in der Dunkelheit alles ähnelte, verschwommene Schattenbilder, die er nur vage wahrnahm. Jeder Baum, jeder Berg und jede Lichtung ergaben für ihn dasselbe Bild, fast wie eine Gruppe Menschen aus Fernost mit ihren gleich aussehenden Gesichtern. Alles, was er in diesem Moment erspähen konnte, war der hell leuchtende Mond am Firmament.

    Er verwünschte sich, hatte er doch in der Hektik vom Vortag vergessen, eine Taschenlampe einzupacken, die ihm in der momentanen Situation nützliche Dienste erweisen könnte. Sicherlich lag diese in einem Regal, versteckt hinter Skizzen oder Mitbringsel von Urlaubsreisen, bedeckt von einer feinen, gleichmäßigen Schicht grauen Hausstaubs. Unsicher griff er nach hinten an seinen Gürtel. Mit den Fingern tastete er diesen entlang und erreichte schließlich die lederne Scheide seines Messers. Das Gewicht beglaubigte ihm den erhofften Inhalt und pure Erleichterung setzte ein. Zumindest daran hatte er gedacht und die Klinge nicht im Auto liegen lassen.

    Er zwang sich, irgendetwas in der Dunkelheit, die ihn jetzt völlig umschloss, zu erkennen. Und auch wenn sich seine Augen mit der Zeit etwas an die Finsternis gewöhnt hatten, so konnte er sich keineswegs mehr auf diese verlassen. Immer wieder stolperte er über Wurzeln und stieß sich mehrmals die Knie wund an den harten Kanten der Steine, die seinen Weg pflasterten. Er resignierte schließlich. Sein wichtigstes Sinnesorgan war im Augenblick schlichtweg nicht mehr zu verwenden. Er musste sich etwas einfallen lassen und womöglich seine anderen, unentdeckten Sinne schärfen. Was blieb ihm anderes übrig? Er musste es versuchen.

    Etwas mürrisch schritt er vorsichtig weiter, einen Fuß vor den anderen setzend. Er spürte jetzt deutlich das Übermaß kleiner Steinchen unter seinen Schuhsohlen, die, tausendfach verstreut, den Weg markierten, sich jedoch keineswegs unangenehm anfühlten. Bei jedem Aufsetzen des Fußes gaben sie ein feines Signal von sich, ein Knirschen, das Jakob wahrnahm und auf das er sich, ob gewollt oder nicht, vollkommen verlassen musste. Er fühlte sich mit seinen Schritten weiter und fand es ungemein interessant, wie sich alle anderen Sinne auf die gegenwärtige Situation einstellten, nur weil sein Augenlicht nicht mehr so mitspielte, wie es dies eigentlich sollte. Dieser Zustand schien ihm unangenehm und faszinierend zugleich, ein Widerspruch wie Liebe und Hass zusammen, und mal abgesehen von dem Sinn und dem Zweck dieser Tour, den Gefahren und der Ungewissheit, verspürte er etwas Vertrautes, ein Gefühl der Ruhe und Geborgenheit. Jakob glaubte zu verstehen, dass Mutter Natur ihm neuerlich die Gelegenheit gewährte, seinen inneren Sinn zu schärfen und einen lauteren Geist zu formen. Und hierzu sollte ein atemberaubendes Schauspiel einen weiteren Anstoß geben.

    ***

    Wenige Augenblicke später war es so weit. Entfesselt vom allerersten Strahl, tauchte er auf mit all seiner Eleganz und Schönheit: ein majestätischer Feuerball, der sofort begann, jeden noch so abgelegenen Winkel zu erleuchten und zu erwärmen. Das Licht spiegelte von den Bergspitzen herab, deren dunkles Schwarz sich bedächtig in ein wunderschönes gläsernes Weiß wandelte. Alles wurde allmählich vom Glanz der Sonne berührt und selbst der tot geglaubte Wald erwachte und schien am Leben teilnehmen zu wollen.

    Auch Jakob wurde warm ums Herz und er fing an zu verstehen, dass Finsternis und Kälte gegen solch eine Macht makellosen Lichts chancenlos waren. Dieser Sonnenaufgang mit seiner unverrückbaren Symbolik ließ keinen Zweifel mehr daran, absolut keinen Zweifel. Er betrachtete den tiefroten Horizont und dessen prächtiges Farbenspiel: die orange schillernden Wolken, die Vögel, die in Zeitlupe gleichmäßig und unbeirrbar der Sonne entgegenflogen, und er entrückte in ein Gefühl der Endlosigkeit. Er fühlte sich frei, denn er hatte trotz aller Zweifel und Strapazen sein Zwischenziel erreicht: einen schmalen Vorsprung unterhalb des hügeligen Ineu.

    Erleichtert schaute Jakob vom Plateau aus gen Osten und genoss das morgendlich wärmende Licht auf seinem Gesicht. Er genehmigte sich einen langen und intensiven Atemzug reiner Luft, unbefleckt und frei vom Staub der Großstädte und Industriebetriebe, denen er in der Regel ausgesetzt war. Sofort verspürte er neue Kraft. Sein müder und versehrter Körper begann sich zu regenerieren, auch der Schönheit dieser Welt wegen, und er glaubte, davon abhängig zu sein wie manch anderer von Nikotin und Kaffee oder diesen buntgemischten Szenedrogen, die einem vollkommen das Gehirn vernebelten. Er war ein Gefangener jener einmaligen, wundervollen Natur, gleich einem Spinner in seiner bunten, virtuellen Welt aus Bits und Bytes. Jakobs Auffassung vom Leben war Freiheit. Er wollte sich von nichts benutzen lassen oder gar abhängig sein von irgendetwas. Sein Geist sollte über seinen Körper herrschen und nicht andersherum. Nur die Natur und das damit verbundene Gefühl der Endlosigkeit stellten eine Ausnahme dar.

    So verstrichen einige Minuten, bis Jakob sich wieder auf seine Mission besann und ungeduldig in seiner Hosentasche zu kramen anfing. Er zauberte einen beschmierten Zettel hervor. Neben Vermerken und Skizzen standen darauf auch die Namen der Berge, zwischen denen die Morgensonne gerade am Horizont aufging. Beeindruckt vom Anblick der beiden Riesen, vergaß er schnell all seine in den letzten Tagen erlittenen Entbehrungen. Genau dieses Bild war Grund und Antrieb für seine vielen Bemühungen, ja es war selbst notwendig, um den weiteren Wegverlauf klar bestimmen zu können. Endlich begannen die vielen Rädchen ineinanderzugreifen und Jakob spürte zum allerersten Mal ein Gefühl des Triumphes aufkommen.

    Der Dealul Negro er schien ihm etwas kleiner zu sein als dessen Zwillingsbruder, der Gajei. Professor Friedmanns Empfehlung war, die Anstrengungen des unzugänglichen Gebirges auf sich zu nehmen und direkt zwischen den beiden Höhenzügen hindurchzumarschieren. Zum einen würde das Zeit sparen, weil so kilometerlange Umwege vermieden werden könnten, und zum anderen würde Jakob dadurch unentdeckt bleiben. Er entschied sich, den Rat des Professors zu befolgen, denn auch nach seinem pfadfinderischen Verständnis war jede Abweichung vom rechten Weg mit Selbstmord vergleichbar.

    Jakob lief los, mitten durchs Dickicht und geradewegs der Sonne entgegen. Es roch nach Frühling. Das Gebirge war vom Schnee des vergangenen Winters nahezu vollständig befreit und wechselte wie immer um diese Jahreszeit, hervorgerufen durch junge Pflanzentriebe, das Kleid. Ein wenig verwundert über die Schwierigkeit des Wegs, kämpfte sich Jakob in Richtung Tal vor. Der sowieso schon nasse Boden war durch die Regenfälle der vergangenen Stunden vollkommen aufgeweicht und machte ein zügiges Vorankommen zu einem schweren Unterfangen. Je weiter er sich bergab durcharbeitete, desto kleiner wurde sein Blickwinkel, bis er die Schneise zwischen den Kuppen ganz aus seinen Augen verlor. Die dichte Waldgrenze, der Wechsel zwischen Hoch- und Mittellage des Gebirges, war nun erreicht. Er war umgeben von Laub- und Nadelbäumen, die ihm den Weitblick raubten.

    Er hielt kurz inne, um zu verschnaufen. Dann setzte er sich wieder in Bewegung. Er hatte sich mittlerweile daran gewöhnt, knöcheltief im Morast zu stecken, und allmählich wandelten sich auch seine täppischen, unkontrollierten Schritte zu einem sicheren, mechanischen Gang. Da er immer wieder ins Rutschen geriet, nutzte er seine Körpermasse, um zügiger nach unten zu kommen. Im Laufschritt legte er ein, zwei Meter zurück, sprang über ein Hindernis und ließ sich dann bergab über den schmierig glatten Boden gleiten. Manchmal rutschte er auch über die nassmodrige Rinde umgestürzter Bäume und musste aufpassen, dass er sein Gleichgewicht bewahrte. In diesem Rhythmus gelangte Jakob an eine mächtige Schlucht. Er blieb am Rande des Abgrunds stehen, seine Blicke senkten sich und er schaute hilflos in die Bodenlosigkeit.

    Diesen höllischen Spalt hatte er nicht voraussehen können. Der dichte Wald hatte ihm den Ausblick auf diesen Graben von oben herab verweigert. Jakob zögerte. Die steile Schlucht zu umlaufen, würde ihn gewiss viel Zeit kosten und der Weg könnte sich kilometerweit in die Länge ziehen. Überdies hatte er keinen Bock, den eingeschlagenen Pfad zu verlassen und sich dann neu ausrichten zu müssen. Er schaute auf, in die Kronen zweier Bäume und verweilte regungslos für einige Sekunden in dieser Stellung. Er fühlte sich genauso unentschlossen wie diese, die, vom Winde hin und her gerissen, völlig unfähig schienen, irgendeine Richtung einzuschlagen. Sein Blick senkte sich und er betrachtete wieder den dunklen Graben vor seinen Füßen.

    Gut siebzig Meter in den tiefen Rachen des Monsters hinunterschauend, erspähte Jakob die Sohle des Tales. Ein Flusslauf, welcher jetzt im Frühjahr aufgrund der einsetzenden Schmelze in den Bergen reichlich mit Gebirgswasser gefüllt war, toste dort unaufhaltsam und ohne Rücksicht vor sich hin, massivstes Gestein und tonnenschwere Felsbrocken konnten ihn nicht aufhalten. Jakob überkam das schleichende Gefühl, die steilen Hänge und das wild tobende Wasser nicht überwinden zu können.

    „Mist", knurrte er, auf der Suche nach einer Möglichkeit, die es ihm gestatten würde, einen Umweg um die tiefe Schlucht herum zu nehmen. Ein allerletztes Mal schaute er die Abgrundkante entlang und entdeckte plötzlich unweit von sich, einige Meter tiefer auf der gegenüberliegenden Wand gelegen, einen kleinen Vorsprung. Dieser ragte, wie das Gesims eines alten Bauwerks liebevoll verschnörkelt, weit über das Flussbett hinaus. Jakob war besänftigt.

    Parallel gegenüber dem Felsausläufer begann er mit dem Abstieg. Die Wand war glitschig und feucht und lud nicht gerade zu einer Kletterpartie ein. Sie verlief extrem steil und immer schmaler werdend wie ein Kegel nach unten, gesäumt von etlichen Furchen, die es Jakob einfacher machten, Halt zu bewahren. Er hatte weder ein Seil noch irgendwelche Karabiner dabei, um sich damit abzusichern, geschweige denn die Möglichkeit, diese an Haken in der schroffen Felswand zu befestigen. Daher prüfte er jedes Mal doppelseitig seinen Stand und krallte sich mit seinen Fingern in winzigen Ritzen fest, die ihm als Stütze dienten. Erst wenn er sich ganz sicher war, verlagerte er sein Gewicht, schob, suchend nach neuer Balance, ein Bein nach unten und fasste gleichzeitig mit der Gegenhand um. Ein Profi war er sicherlich nicht auf diesem Gebiet, aber auch kein blutiger Anfänger, und so kraxelte er relativ professionell die Schlucht hinunter. Nun zahlten sich die einstigen Bergtouren mit seinem besten Kumpel Rafael in den Wänden der Tiroler Alpen aus.

    Als Jakob Rafael Angeletti kennen lernte, war der gerade zwei Tage in der Stadt. Verloren in den weiten Straßen Berlins und mit Heimweh im Bauch, hatte er ihn vor dem schwarzen Brett an der Uni getroffen. Sie gehörten beide zum gleichen Jahrgang, gingen zumeist in dieselben Vorlesungen und hatten ähnliche Interessen. Und so kam es, dass sie sich anfreundeten und über die Monate allerbeste Gefährten wurden. Jakob zeigte Rafael die liebsten Orte seiner Stadt und Rafael wiederum nahm ihn in den Semesterferien mit in die Berge. Dort, in der Heimat seines besten Freundes, sammelte er seine ersten Erfahrungen mit dem Bergsteigen und der unberührten Natur. Es war eine tolle Zeit und eine außerordentliche Freundschaft, die von Ehrlichkeit und wahrem Interesse lebte. Sie konnten sich immer aufeinander verlassen, bis zu jenem regnerischen Montag, als Helena aufkreuzte und ihre Männerfreundschaft einer harten Bewährungsprobe unterzogen wurde. Rafael und er standen danach zwar noch in Kontakt, aber mit früheren Zeiten war es nicht mehr

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