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Alles wird gut: Roman
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Alles wird gut: Roman

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About this ebook

Wenn das Leben Kopf steht - wird alles gut? Zwei Frauen und ihre Schicksale kreuzen sich am Arbeitsplatz. Beide hoffen auf denselben Posten. Beide haben Träume von Lebensglück, Liebe und Erfüllung. Beide haben hochgesteckte Ziele in Familie, Beruf und Karriere. Aber nur eine kann den angepeilten besseren Job in der Redaktion ergattern. Die beiden Journalistinnen werden zu Konkurrentinnen. Beide haben den Eindruck, ihr Chef mache ihnen konkrete Hoffnungen. Doch dann kommt alles anders. Alles! Denn da schiebt sich etwas dazwischen: ein Kind. Die Wirklichkeit verändert sich mit einem Schlag. Lisa erlebt das Gefühl, aus einem himmelhochjauchzenden Schaumbad ("Ich bin schwanger!") ins eiskalte Nordseewasser gestürzt zu sein. Denn ihr Freund, der Vater des Kindes, will dieses Kind nicht - unter gar keinen Umständen. Er setzt Lisa massiv unter Druck. Sie fühlt nur noch eines: an allen vier Seiten von Käfigwänden umschlossen zu sein. Eine Achterbahn im Kampf um das verplante Leben und die Karriere setzt ein, ein Ringen an vielen Fronten - aber es wächst auch täglich die Liebe zu diesem kleinen neuen Wesen in ihrem Bauch. Gleichzeitig wird sie scheinbar komplett alleingelassen. Ach, sie hatte doch so viele Sehnsüchte, und alles schien so wunderbar gut vereinbar (zumindest in der Theorie)! Doch das Leben spielt auf seiner eigenen Klaviatur, und darauf war die Protagonistin nicht vorbereitet. Sie muss sich entscheiden: Soll sie abtreiben, wie ihr Freund es von ihr verlangt? Oder stellt sie sich zu ihrem ureigenen Bedürfnis, dieses Kind auszutragen und zur Welt zu bringen?
LanguageDeutsch
PublisherFontis
Release dateSep 13, 2019
ISBN9783038485780
Alles wird gut: Roman

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    Alles wird gut - Sonja Dengler

    Sonja Dengler

    Alles wird gut

    www.fontis-verlag.com

    Am Ende wird alles gut!

    Und wenn es noch nicht gut ist,

    ist es noch nicht das Ende.

    – Oscar Wilde

    Dies ist eine wahre Geschichte.

    Die Rahmenhandlung wurde geändert und auch der Ort,

    nicht aber die sich abspielenden Ereignisse.

    Sonja Dengler

    Alles wird gut

    Roman

    Logo_fontis_neu

    Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

    Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

    © 2019 by Fontis-Verlag, Basel

    Umschlag: Spoon Design, Olaf Johannson, Langgöns

    Bild U1: Beyla Balla / Shutterstock.com

    Bild Kapitel 25 und 61: Natalya Lys / Shutterstock.com

    Bild Kapitel 51 (Tacho): dencg / Shutterstock.com

    Bilder Kapitel 21 / 51 (Stricke) / 52: Archiv «Tiqua»

    E-Book-Vorstufe: InnoSet AG, Justin Messmer, Basel

    E-Book-Herstellung: Textwerkstatt Jäger, Marburg

    ISBN (EPUB) 978-3-03848-578-0

    ISBN (MOBI) 978-3-03848-579-7

    www.fontis-verlag.com

    1

    Tödliche Autofahrt, Teil 1

    Der Geschwindigkeitsmesser zeigte 180.

    Unpassender hätte deshalb der Zeitpunkt nicht sein können: Ausgerechnet jetzt dachte sie an die Nachmittags-Stunden zwischen ihrer üblichen Rückkehr aus der Mittagspause und ihrer so liebgewonnenen 16-Uhr-Kaffeepause. Irgendwann dazwischen passierte es regelmäßig und vor allem unbemerkt: Die herrliche Mittagssonne schien nicht mehr durch das großzügige Fenster auf ihren Schreibtisch herab. Wieder verpasst.

    Wie oft hatte sie sich eigentlich schon vorgenommen, dieser traumhaften Sonnenwanderung eines Tages mal ganz bewusst bis zum Ende zuzuschauen und sie zu genießen? Und diesen großartigen Genuss dann für immer in ihrer Seele zu archivieren.

    Sie liebte die Sonne, obwohl sie zum hellen empfindlichen Hauttyp gehörte. Trotzdem machte ihr Hitze gar nichts aus. Zwar rötete sich dann ihre Haut ordentlich, aber sie fühlte sich pudelwohl, sobald es heiß war. Deshalb freute sie sich jeden Abend schon im Voraus auf den neuen Tag, weil sie ja dann ganz bestimmt dem hoffentlich spektakulären Sonnenlauf zuschauen würde, bis er verschwand. Freilich war ihr stets bewusst, dass die Sonne natürlich noch immer am Himmel stand – aber leider war sie wieder einmal, von ihr unbemerkt, aus ihrem Sichtfeld, aus ihrem ganz persönlichen Stückchen Büro-Himmel verschwunden.

    Warum dachte sie ausgerechnet jetzt an so etwas Triviales? Um Himmels willen, das war das Falscheste, was sie jetzt gerade denken sollte! Woher diese Assoziation?

    Es war eben genau wie der Zeiger des Tachometers, den sie von ihrem Beifahrersitz aus schon nicht mehr erkennen konnte, weil auch er – wie die nachmittägliche Sonne – stetig nach rechts drehend aus ihrem Blickfeld verschwunden war. Also war seine C-Klasse noch lange nicht am Limit angelangt. Wie lange es wohl noch dauerte? Ein eisiger Schreck durchfuhr sie: Was hatte er gerade gesagt?!

    Auch er erfasste, dass sie nicht zugehört hatte, und wiederholte daher:

    «Ist es DAS, was du willst?»

    Emotionslos und sehr ruhig klang das.

    Sein bisheriges Geschrei und Gebrüll hatte er aufgegeben, weil ihm klar wurde, dass er einen drastischen Verhaltenswechsel herbeiführen musste, um ihr Ohr zu erreichen. Er musste sie schockieren, und zwar so lange, bis sie endlich tat, was nötig war, getan zu werden. Deshalb wollte er mit seiner kühl und rational vorgetragenen Frage jeglichen Zweifel an seiner festen Entschlossenheit schon im Keim ersticken. Außerdem wusste er nur allzu gut, dass er unangreifbar wirkte, wenn er – wenigstens nach außen – ruhig blieb.

    Doch obwohl ihr Verstand sie aufforderte, sich irgendwie zu äußern, damit er sich abregen konnte, schaffte sie es auch jetzt nicht, sich der widerwärtigen Situation auszusetzen, und floh in ihre Erinnerungen, auch wenn die so noch gar nicht stattgefunden hatten. Sie dachte daran, wie sie für die letzten zwei Arbeitsstunden des Tages die Fensterjalousien ihres Büros hochzog. Wie dann das nun nicht mehr blendende blassrote Abendlicht den Raum warm und freundlich ausfüllte und wunderschöne Schatten an Wände und Fußboden warf. Ein letzter Paartanz flirrenden Schattens und Lichts, ein stolzer Abschiedsgruß des Tageslichts und letzter Widerstand gegen die später alles Licht trinkende Nacht.

    Atmete sie überhaupt noch? Sie war sich dessen selbst nicht so sicher.

    Schweigend bohrte sie ihre Fingernägel noch tiefer in das Futter rechts und links des Beifahrersitzes. Obwohl sie inzwischen die 200 km/h überschritten haben mussten, lag der Wagen noch erstaunlich gut und satt auf der Straße.

    Was hatte er noch mal gesagt?!

    «Ob es DAS ist, was du willst, habe ich dich gefragt!», sagte er in besonnenem Tonfall, als wären seine Worte Teil eines gewöhnlichen Small Talks. Diesen Tonfall kannte sie allerdings zur Genüge: Es war der gleiche wie der aus ihrer Kindheit, und er kennzeichnete jene verhängnisvolle Viertelsekunde unmittelbar bevor ihr Vater im Streit mit ihrer Mutter vollends explodierte und jegliche Kontrolle über sich und seine Umwelt verlor.

    Jetzt war sie zwar kein Kind mehr, und sie hatte nicht nur für sich zu sorgen – aber was sollte, was konnte sie denn überhaupt tun? Klar war nur: Sie musste etwas tun. Irgendetwas, was ihn auf die Erde zurückholte, was ihn in jenen Mann zurückverwandelte, in den sie sich verliebt hatte.

    «Nein, das ist nicht das, was ich will.» Erstaunt nahm sie wahr, dass auch sie in den Small-Talk-Modus gefallen war. Und das fand sie gut. Gern hätte sie noch mehr gesagt, damit er das Tempo drosselte, aber irgendwie wollte es nicht gelingen.

    «Und WAS willst du?», schrie er nun doch wieder und starrte sie von der Seite an, dabei den Blick viel zu lange von der Straße abwendend. Das MUSS ihr doch Angst machen! Er wusste schließlich genau, wie sehr sie derart hohe Geschwindigkeiten hasste, und er hoffte, dass sie endlich aufhörte, ihn bis zum Äußersten zu reizen, indem sie schwieg. Es kann, dachte er, doch nicht alles umsonst gewesen sein; wie weit musste er noch gehen? Wie stur war sie? Der Tachometer zeigte inzwischen 220 an. Sein Wagen drohte auf die Gegenfahrbahn zu geraten, weil er ständig zu ihr hinüber starrte.

    «Nein!», schrie sie erschrocken auf und trat mit aller Kraft den linken Fuß auf die imaginäre Kupplung, während sie mit dem rechten Fuß die imaginäre Bremse durchtrat. Das scheußliche Gefühl, dabei nicht auf den jeweils erwarteten Widerstand zu stoßen, ließ sie würgen:

    «Nein, das ist nicht das, was ich will!», presste sie erneut zwischen ihren Lippen hervor und drückte sich dabei in die Rückenlehne.

    Ihr Brustkorb verkrampfte sich schmerzhaft und schob dabei die Speiseröhre nach oben.

    Nichts ging mehr. Sie spürte, wie jeglicher Lebensmut sie verließ und wie sie innerlich aufgab. Verzweifelt versuchte sie, den bitter-blechernen Geschmack zusammen mit ihrer Todesangst hinunterzuschlucken. Das in den höchsten Tönen hochgequälte Heulen des Motors erreichte nicht mehr ihr Herz. Sie atmete laut aus.

    «Nimm endlich das Geld raus, du …!», schrie er nun wieder – längst hatte er jegliche menschliche Grenze überschritten. Er musste sich durchsetzen, er MUSSTE. Heute! Hier und jetzt!

    Lisa beugte sich nach vorne und streckte die Hand aus, um das Handschuhfach zu öffnen:

    Erleichterung breitete sich in seiner Brust aus.

    Er hatte sie so weit:

    «Dann nimm ENDLICH das Geld!» – sein schöner Wagen geriet ins Schlingern, aber er hatte das Lenkrad sofort wieder im Griff.

    «Nimm das Geld, und bringe es hinter uns. Du wirst sehen: Dann geht es uns allen wieder gut!» Er war wieder ganz ruhig.

    Ihr blieb nun keine Wahl mehr.

    Sie musste und wollte gehorchen.

    Ihr starrer Blick entdeckte in der Sekunde, in der sie ihre Hand nach dem Geldbündel greifen sah, die tödliche Gefahr: Die Kontrolle über sein Auto hatte er verloren. Zur rettenden Vollbremsung war es zu spät …

    2

    Zwei Monate vorher …

    Sandra betätigte die Home-Taste ihres Smartphones, das sie im unendlichen Nirwana ihrer großen Handtasche herausgefischt hatte. 8:54 Uhr. Verdammt noch mal, blieben nur noch sechs Minuten. Pünktlich zum Arbeitsbeginn würde sie es bei diesem fürchterlichen Verkehr in der allmorgendlich verstopften Stuttgarter Innenstadt unmöglich schaffen.

    Fahr endlich, du Penner, bedachte sie unfreundlich den Fahrer vor ihr und hielt ihren rechten Daumen bereits über der Hupe positioniert, um sie sofort zu betätigen, falls der Lieferwagen auch nur eine Sekunde zu lang an der inzwischen grün gewordenen Ampel stehen bliebe. Zwar wusste sie ganz genau, dass sie selbst bei zügigem Verkehrsfluss zwei Ampeln weiter erneut anhalten musste. Dennoch bildete sie sich ein, dass nicht die faktische Verkehrslage, sondern allein ihr Wille es war, der zählte. Ihre nervöse und aggressive Fahrigkeit kam ihr dabei sehr gelegen, denn es half ihr dabei, sich vorzumachen, sie würde sich ja bitteschön beeilen, und somit wäre sie am Zuspätkommen unschuldig. Und außerdem konnte sie sich so vormachen, möglicherweise doch noch etwas Zeit herauszuschinden, wenn sie nur hibbelig genug blieb. Hibbelig sein bedeutete: schnell sein, und sie brauchte diese fadenscheinige Zuversicht dringend.

    Vanessa, ihre süße Kleine, hatte sich heute so gar nicht süß aufgeführt. Beim Abschiednehmen in der Kindertagesstätte legte sie wieder einmal eine ausgebuffte Szene hin, daher der enorme Zeitverlust. Ausgerechnet heute. Das Verrückte daran war, dass Vanessa mittlerweile gerne in ihre Kita ging, was sie den Erwachsenen vor allem dadurch demonstrierte, dass sie abends nicht gerne von dort abgeholt wurde. Genauer gesagt, wollte sie abends überhaupt gar nicht abgeholt werden, sondern nach ihren eigenen Worten «für immer» dortbleiben. Sandra hätte nicht mit Bestimmtheit sagen können, was schwieriger für sie war: Vanessa abzuliefern oder Vanessa abzuholen – es war Stress pur und vor allem Stress in endlos erscheinender Zukunftsschleife.

    Sandra ärgerte sich hauptsächlich deswegen, weil sie sich für das Zuspätkommen wirklich keinen ungünstigeren Tag hätte aussuchen können. Aber wenn es dicke kommt, kommt es halt gleich multipel-dicke. Lukas’ Kindergarten war der erste Stopp. Dass er gerade montags, nachdem er ein paar Stunden des Wochenendes bei seiner Oma verbringen durfte, gerne mal Probleme bei der Verabschiedung machte, um damit seinerseits nicht hinter der schwesterlichen Machtdemonstration zurückzubleiben – das hatte sie in weiser Voraussicht sogar in ihrer Zeitplanung mit einberechnet, indem sie etwas früher als üblich aufbrach. Natürlich gegen den erklärten Widerstand ihrer Kinder, die selbst noch Zeitlupen in die Unendlichkeit zu dehnen vermochten.

    Tja, Frau Sandra Süselbeck, man muss eben gegen alle Eventualitäten des Lebens gefeit sein und so etwas in seine Fahrtzeiten einkalkulieren, genau so würde ihr Chef Heiko rumnörgeln – nur, dass er sie inzwischen duzte. Und was, bitteschön, sollte sie ihm auch schon entgegnen? Dass sie für die reine Fahrtzeit von nur dreißig Minuten eine volle Stunde vor Arbeitsbeginn losgefahren war und dadurch wahrlich genug Pufferminuten geschaffen hatte? Das würde er einfach nicht gelten lassen. Einmal mehr nicht gelten lassen.

    Dem Lieferwagen vor ihr noch immer am Heck klebend, trat nun doch das Unausweichliche ein. Die Ampel, deren Schaltung offenbar gewollt so geplant worden war, dass sie den ohnehin schleppenden Verkehr vollends ausbremste, schaltete auf Rot. Echt jetzt. Sandras Zeigefinger tippte erneut auf das Smartphone: 9:01 Uhr. Verflixt und zugenäht. Nun war es amtlich: Sandra würde nun schon zum dritten Mal in vier Wochen unpünktlich zur Arbeit erscheinen. Das war exakt ein Mal zu viel. Also noch mehr Wasser auf Heikos Mühlen und die der übrigen Krokodile, die wie üblich in ihrer Abteilung auf der Lauer lagen.

    Nachdenklich sah sie zum Fenster hinaus. Sie dachte an die Zeit zurück, wie es so war – bevor die Kinder da waren. Sicher, sie würde ihre Kinder um gar keinen Preis der Welt mehr hergeben. Ganz im Gegenteil, sobald sie ein paar Stunden weg waren, schmerzte ihr Herz vor Sehnsucht nach ihrem Gekreische und Gezanke – und nach ihrer überbordenden Lebenslust, um die sie ihre Kinder oft beneidete. Woher haben die bloß ihre Lebensfreude? Ob sie wohl als Kind auch so war?

    Nur manchmal fehlte sie ihr doch ziemlich: ihre frühere Freiheit nämlich. Zum Beispiel mal mit Michael spontan an ihrem Kennenlerntag ins verregnete London zu fliegen, das wäre schön. Ihr fiel wieder die ärmliche, aber gemütliche Stadtwohnung mitten im Stuttgarter Zentrum ein, die sie damals so mochten. Wie sie zuerst während des Studiums als WG-Mitglied dort eingezogen war, ehe nach dem Auszug von Petra und Anastasia sinnvollerweise Michael zu ihr gezogen war.

    Inzwischen lebten sie recht nett mit deutlich schöneren Möbeln in einem Reihenhaus im Vorort … Ja, sie haben es verstanden, sich einzurichten, im übertragenen und im faktischen Sinne. Aber wo war eigentlich ihre einst berühmt-berüchtigte rebellische Widerstandslust geblieben? Hin und wieder vermisste sie die schmerzlich. Damals war sie immer am Kämpfen, am Verbessern der Weltlage, besonders der der Frauen – sie träumte von nichts Kleinerem als einer gewaltigen Frauen-Revolution, die sie höchstpersönlich in Bewegung setzen würde. Aber diesen hochfliegenden Träumen folgten leider viel zu viele Ernüchterungen und eine ungerechte Abfolge unsinniger Hindernisse. Alle aufrührerischen Pläne hatte sie freiwillig eingetauscht gegen ein konservatives Leben mit Mann, Sohn und Tochter. Es fehlte nur noch der Hund, für dessen Anschaffung die Kinder zumindest Michael bereits auf ihre Seite ziehen konnten. Ausschließlich Sandras entschiedenem Veto war es bisher zu verdanken, dass diese allerletzte Stufe der bilderbuchmäßigen Metamorphose zum Vorstadt-Familienklischee nicht auch noch erklommen wurde. Aber es wurde immer schwieriger, sich gegen einen dreifachen Sturm von Argumenten durchzusetzen. Wie zum Beispiel gestern Abend wieder.

    Glücklicherweise hatte sie erneut gewonnen. Vorläufig.

    Über kurz oder lang würde sie jedoch einlenken müssen, das war ihr klar. Eventuell konnte sie die ihr gegenüberstehende und gut konditionierte Allianz ja vielleicht mit der Anschaffung einer Katze oder besser noch mit einem Zwergkaninchen in die Falle locken. Dieser Gedanke gefiel ihr, sie merkte ihn sich für die nächste Schlacht.

    Noch keine rettende Idee dieser Art fiel ihr zu Michaels gestern auch wieder geäußertem Wunsch nach einem dritten Kind ein. Zwar konnte sie sich am Ende auch hier durchsetzen, aber sie spürte ein ungutes Gefühl in sich aufsteigen, obwohl es doch eigentlich so war, dass sie es geschafft hatte, seinen Kinderwunsch zuerst in ein «Besser kein weiteres Kind mehr» umzuwandeln. Überraschenderweise hatte sie dann sogar noch seine Zustimmung dafür herausgepresst, dass er sich sterilisieren lassen wolle. Eigentlich ganz glatt gelaufen. Schön. Worüber mache ich mir da überhaupt Sorgen?

    Aus der aufkeimenden Träumerei zog ihre stets zuverlässige innere Uhr sie unvermittelt wieder ins Auto zurück. Innerhalb der nächsten Sekunde müsste die Ampel – und damit die letzte lästige Hürde zwischen ihr und Heikos Standpauke – auf Grün umspringen. Noch war sie rot, und die Abgase unzähliger Autos um sie herum hatten sich inzwischen trotz geschlossener Fenster auch in den Innenraum ihres alten