Bücher Magazin

„SEID SAND, NICHT DAS ÖL IM GETRIEBE DER WELT“

Die Perlen und Klassiker der Hörspielgeschichte sind heute nur selten im Radio zu hören. Ein Grund dafür sind fehlende Sendeplätze, denn oft irritieren sie die Hörer in ihrer Ästhetik mehr, als dass sie unterhalten. Das heutige Ohr ist überaus verwöhnt. Vor 100 Jahren war das anders. Vor den Massen von Podcasts, den Streamingdiensten, den Radiovollprogrammen und dem Fernsehen gab es zwar Konzerte und das Theater, auch den Flurfunk und die Plauderei mit dem Nachbarn. Aber dann kam der Rundfunk, er brachte den Menschen die Welt ins Haus. Außerdem baute er den Radiomachern die größte Bühne der Welt.

Als Geburtsstunde des Rundfunks in Deutschland gilt der 29. Oktober 1923, an dem Tag wurde die erste Unterhaltungssendung aus dem Vox-Haus ausgestrahlt. Aber schon am 23. Dezember 1920 strahlte das erste richtige Konzert von einem kleinen Berg in Königs Wusterhausen in den Himmel über Europa. Ein Versuch von sechs enthusiastischen Postbeamten und ein Akt von großer Symbolkraft, denn vermutlich hörte es niemand. Rundfunkhören in Deutschland war bei Strafe verboten. Doch der Gedanke, über alle Lande Millionen von Menschen gleichzeitig Botschaften senden zu können, muss atemberaubend gewesen sein. Das verspielte, pseudodokumentarische Hörstück aus dem Jahr 2020 von Frederike Moormann, Angelika Waniek und Dieter Daniels, hergestellt mit Deutschlandfunk Kultur und Kunstraum innen. Das haben wir zusammen mit dem Komponisten-Duo Hauptmeier/Recker in den chorischen Teilen des Hörstücks aufgegriffen. Das „One to Many“ des Radios liegt irgendwo zwischen dem „One to One“ des Funks und dem „Many to Many“ des Internets. Und über dieses Vor-und Zurück, über die Polyfonie von Senden und Empfangen in Echtzeit, haben wir viel nachgedacht. Ich sage hier „Hallo“ und meine Worte werden mehrere Tausend Kilometer entfernt gehört. Was hat das für Auswirkungen, dass plötzlich geografisch mehrere tausend Kilometer entfernte Orte in Echtzeit miteinander kommunizieren können? Das ist eine immer noch offene Frage.“

You’re reading a preview, subscribe to read more.

More from Bücher Magazin

Bücher Magazin4 min read
Klingsche Stimmonade
Elos von Bergen ist kein Spurensucher. Er ist Spurenfinder. Das sagt viel aus über das Selbstbewusstsein der titelgebenden Figur in Marc-Uwe Klings neuestem Roman. Kling hat diesen gemeinsam mit seinen Zwillingstöchtern Johanna und Luise geschrieben,
Bücher Magazin1 min read
Geschmacks Kultur
Foto: Der Sioux Chef © Sean Sherman; Storyteller © Gudberg Nerger ■
Bücher Magazin2 min read
Unter Die Haut
Wir haben den Hügel erklommen, auf dem die russisch-orthodoxe Uspenski-Kathedrale mit ihren zwiebelförmigen, vergoldeten Kuppeln steht. Das Gotteshaus, erbaut, als Finnland ein Teil des russischen Zarenreiches war, ist eines der wichtigsten Wahrzeich